"Die belastende Stille wird dem Wohlklang unserer Stimmen weichen"

Ein Beitrag des neuen Präsidenten des Bayerischen Sängerbundes Alexander Seebacher

 

Liebe Sängerinnen und Sänger,

das Jahr 2021 hat für uns als Sängerinnen und Sänger begonnen, wie das alte geendet hat. Seit fast einem Jahr sind unsere Stimmen verstummt, und dennoch gibt es einen Unterschied. Zu Beginn des Jahres 2020 sind wir alle noch von einem Chorjahr ausgegangen, wie wir es aus den bisherigen Zeiten gewohnt waren. Und wir haben uns auf die ersten vorgesehenen Konzerte vorbereitet. Ab März kam alles anders, und sämtliche Vorhaben und Planungen haben sich als nicht durchführbar erwiesen.

In das laufende Jahr sind wir ohne konkrete Planungen gegangen, weil es uns die auferlegten Beschränkungen nicht möglich machen, auf halbwegs sicherer Grundlage irgendetwas zu planen. Doch gibt es eine Hoffnung. Wir werden im Laufe des Jahres alle die Möglichkeit erhalten, uns gegen das Coronavirus durch eine Impfung zu schützen. Wenn diese Schutzwirkung weite Teile unserer Bevölkerung erreicht haben wird, werden wir uns auch wieder einem geregelten Chorbetrieb zuwenden können. Es wird in der Anfangsphase bestimmt noch Auflagen und Hygieneregeln geben. Die Wege, die wir dann einschlagen können, werden sich nach und nach weiten und uns hoffentlich bald wieder dahin führen, wo wir uns vor dem Verstummen unserer Stimmen befunden haben. Wir dürfen die Geduld nicht verlieren und uns auch nicht von negativen Diskussionen die Zuversicht nehmen lassen.

Gleichwohl hat die derzeit laufende gesellschaftliche Diskussion über Für und Wider des Impfens und die sich daraus ergebende Freiheit längst das Chorwesen erreicht. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um sportliche oder kulturelle Aktivitäten handelt. Die alle bewegenden Fragen sind immer die gleichen. So sind auch bei uns schon Anfragen eingegangen, ob bei wieder zugelassenem Chorbetrieb nur geimpfte Sängerinnen und Sänger daran teilnehmen dürfen und ob und wie dies rechtlich zu regeln und zu handhaben sei.

Verbindliche Antworten auf die erwähnten und ähnliche Fragen und Sorgen unserer Chöre können wir derzeit nicht geben. Wir wissen nicht, welche Rahmenbedingungen und Auflagen uns der Gesetzgeber vorgibt. Zumindest in der Anfangsphase nach Wiederzulassung sängerischer Aktivitäten haben wir damit zu rechnen.

Ungeachtet dessen möchten wir die Thematik von einer Seite betrachten, die weniger auf rechtliche Gesichtspunkte abstellt als auf unser aller Verhalten und die uns obliegende gegenseitige Rücksichtnahme und Verantwortung.

Es ist möglich, Regeln über die Teilnahme an Chorproben in der Satzung zu verankern und darin sogar festzuschreiben, dass aktives Singen nur geimpften Sängern zugänglich sein soll. Wir raten aber davon ab, eine derartige Regelung in die Satzung aufzunehmen. Wenn überhaupt nähere Bestimmungen zum Probebetrieb in der Satzung erscheinen sollen, schlagen wir eine Bestimmung vor, nach der festgelegt wird, dass der Vorstand die Bedingungen für die Teilnahme am Probebetrieb festlegt. Dies schafft Flexibilität und ermöglicht es, diese jederzeit an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Wenn es in der Satzung festgeschrieben und nicht mehr zeitgemäß wäre, müsste diese bei rein formaler Betrachtung erneut geändert werden. Das halten wir für wenig praktikabel und zielführend.

Nach unserer Kenntnis enthält kaum eine Satzung aktuelle Regelungen zum Chorbetrieb. Wir halten das nicht für einen Mangel. Gerade eine Entwicklung wie die Verbreitung des Coronavirus und deren Folgen kann niemand voraussehen. Deshalb ist es nach unserer Überzeugung jederzeit zulässig, wenn die Vorstandschaft eines Chores die Bestimmungen an aktuelle Anforderungen anpasst, und dies gilt bei Ausnahmesituationen wie der derzeitigen besonders.

Doch damit allein ist die auf uns zukommende Problematik nicht gelöst. Selbst wenn festgelegt sein sollte, dass Proben nur geimpften Sängerinnen und Sängern zugänglich sein sollen, bleibt die Frage, wie das sichergestellt werden kann. In letzter Konsequenz ginge das nur, indem Impfnachweise von den Chormitgliedern verlangt werden.

Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass sich Vereinsführungen einer solchen Kontrolle annehmen möchten und die Sängerinnen und Sänger sich ihr unterwerfen wollen.

Für mich ist der Ansatz ein verantwortliches und von Rücksichtnahme geprägtes Verhalten der Chormitglieder. Jeder widmet sich in seiner Freizeit dem Hobby Singen, mit dem er sich selbst und anderen Freude bereiten möchte. Man ist Mitglied einer Gemeinschaft, die sich einem gemeinsamen Ziel verschrieben hat. Die Mitgliedschaft bei einer solchen Gemeinschaft schließt nach meinem Verständnis die Gefährdung anderer Mitglieder aus. Eine Einstellung etwa wie diese, wer sich schützen wolle, könne sich ja impfen lassen, passt nicht zum Gemeinschaftssinn unserer Chöre.

Wir sind davon überzeugt, dass sich Rahmenbedingungen ergeben werden, wie in Coronazeiten ein geregelter Probebetrieb durchgeführt werden kann. Die laufenden Diskussionen sehe ich nicht nur kritisch. Sie tragen dazu bei, dass wir uns aufgrund unserer aktuellen Lebensumstände mit Themen auseineinandersetzen, an die wir vor einigen Monaten noch keinen Gedanken verschwendet hätten. Sie schärfen aber unseren Blick für gesellschaftlich wichtige Fragen und Themen, bei denen wir nicht die Augen verschließen und nach dem Grundsatz verfahren können, diese betreffen uns nicht.

Jeder darf dazu seine eigene Meinung haben und seine Verhaltensweise daraus ableiten. Er muss nur bedenken, wo er den Lebensbereich von Mitmenschen berührt und welche Folgen diese Handlungsweise für sie auslösen kann. Wenn hier verantwortliches Handeln und das Gebot der Rücksichtnahme innerhalb einer Gemeinschaft die Einstellung der einzelnen Mitglieder widerspiegeln, ist mir um den Fortbestand unserer Chöre nicht bange. Vieles wird sich regeln und einspielen.

Mein persönlicher Wunsch ist es, dass es dazu nicht allzu vieler rechtlicher Vorgaben bedarf. Diese können allenfalls einen Rahmen vorgeben, alles andere aber spielt sich in unseren Köpfen und unserer Denk- und Handlungsweise ab.

Daher wünsche ich uns, dass wir hoffentlich im Sommer wieder dem Singen nachgehen dürfen und die belastende Stille dem Wohlklang unserer Stimmen weichen wird.

Zum Schluss darf ich noch darauf hinweisen, dass wir bis auf Weiteres die Ausgabe der Sängerzeitung aussetzen. Über sängerische Aktivitäten, die das Herzstück bilden, können wir seit fast einem Jahr nicht berichten. Das wird auch die nächsten Monate noch so bleiben.

Es werden Ihnen aber keine Informationen verlorengehen. Der Bayerische Sängerbund hält Sie immer über aktuelle Entwicklungen über die Homepage oder den Newsletter auf dem Laufenden.

 

Alexander Seebacher